Malerische Dörfer & grausame Häfen

Nach unserem Ausflug an den nördlichsten Zipfel von Kolumbien hängen wir noch eine Schlaufe ins Landesinnere an. Denn Beat steht gemäss unserer Agentin auch nach zehn Tagen immer noch in Panama am Hafen. Warum weiss niemand so genau. Wir setzen unseren Roadtrip im Mietauto noch etwas fort, bevor es nach Cartagena zurückgeht.

Es sei das schönste Dorf im ganzen Land. Das haben uns bereits mehrere Kolumbianer gesagt. Also nichts wie hin. Aber Kolumbien ist gross und zwischen der nördlichen Küste und Barichara liegen 800 Kilometer Niemandsland. Was soll’s, wir haben ja nichts Besseres zu tun. Da wir es unmöglich in einem Tag schaffen, machen wir den ersten Stopp im unscheinbaren Curumaní. Ein Hotel für 11 Franken soll es werden. Schliesslich müssen wir auf unser Budget achten. Diese Extratage ohne Beat gehen ins Geld.

Günstige Hotels in Mittel- und Südamerika verfügen selten über ein Fenster. Etwas gewöhnungsbedürftig für uns Europäer.

Das Zimmer entspricht dem Preis. Nur nicht genau hinschauen und möglichst schnell wieder raus. Für mehr als Schlafen eignet es sich definitiv nicht. Es hat keine Fenster und feuchtet ziemlich. Auch auf die Klimaanlage ist auch kein Verlass. Sie klingt wie ein uralter Dieselgenerator. Direkt neben unserem Hotel befindet sich zum Glück ein Tienda. Das wäre bei uns ein grösserer Kiosk. Einfach mit dem Unterscheid, dass sich diese bei uns nach Feierabend nicht in Bars verwandeln. In Kolumbien versammelt sich dort meist das halbe Dorf. Denn es gibt günstiges Bier und Snacks.

Una noche colombiana

Wie immer dröhnt aus einer riesigen Box viel zu laute Musik. Trotzdem wirkt es auf uns einigermassen einladend. Wir bitten die Dame, die dort arbeitet, die Lautstärke etwas runterzudrehen. Widerwillig lenkt sie ein. So sollten wir zumindest eine Runde Karten spielen können. Und natürlich gönnen wir uns dazu ganz nach kolumbianischer Manier ein kaltes Bier. Bereits nach wenigen Minuten entwickeln wir uns zur Dorfattraktion. Hierhin scheinen sich wohl nie Touristen zu verirren. Wir beschliessen spontan auch noch eine Flasche des kolumbianischen Likörs Aguardiente zu kaufen und geben dem Nachbartisch ebenfalls einen Shot aus. Es stossen mehr Leute dazu, es wird getanzt, fotografiert und vor allem viel gelacht. Die Stunden vergehen uns so essen wir auch noch gleich dort. Es gibt Hot Dogs Suizos. Ein denkwürdiger und definitiv sehr kolumbianischer Abend.

Am nächsten Tag geht es trotz dezentem Kater früh weiter Richtung Barichara. Nach mehr als sechs Stunden Fahrt gönnen wir uns in Bucuramanga ein leckeres italienisches Abendessen und eine Nacht in einem sauberen Hotel. Weiter geht es durch den beeindruckenden Canyon von Chicamocha. Nach gefühlten tausend Kurven kommen wir ziemlich gerädert am Ziel an. Zum Glück haben wir hier eine schöne Unterkunft. Neben den zwei hübschen Zimmern steht uns auch noch eine Küche zur Verfügung. Vom kleinen Balkon aus sehen wir in die malerischen Strassen des Dorfes. Wir gönnen uns einen Apéro und Nadine kocht ein feines Pad Thai. Es ist perfekt. Trotz einbrechender Dunkelheit schlendern wir danach noch durch die Gassen und probieren ein Stück von der direkt auf der Gasse zubereiteten Dorfpizza. Als es zu regnen beginnt verkriechen wir uns ins Bett.

Am nächsten Morgen steht eine Wanderung auf dem Camino Real bevor. Dieser verbindet die beiden idyllischen Dörfer Barichara und Guane miteinander. Die perfekte Art, um die Gassen von Barichara, die umliegende Natur sowie das Nachbarsdorf Guane zu entdecken. Wir starten früh, da es gemäss Berichten am Nachmittag ziemlich warm werden kann. Die ersten Kilometer führen über Pflasterstein, vorbei an liebevoll bemalten Häusern. Danach geht es weiter auf einem Naturpfad. Wir sind umgeben von Feldern und wilder Natur, Kühe weiden und Schmetterlinge fliegen von Blume zu Blume. Das Wetter ist perfekt und schenkt uns eine unglaubliche Weitsicht in die umliegenden Täler. Nach eineinhalb Stunden erreichen wir das Dorf Guane. Ein kleines aber ebenfalls idyllisches Dorf.

Zeit für ein typisches kolumbianisches Fruchtglacé. Übrigens, der Stiel muss so schräg sein. Zuerst haben wir gedacht, das sei ein Fehler. Später haben wir dann aber festgestellt, dass es immer so ist. Zurück geht es mit einem Collectivo. Es ist landesgetreu rot-gelb-blau bemalt. Der Fahrer rast einer kurvenreichen Strasse entlang. Er scheint die Strasse zu kennen wie seine eigene Hosentasche. Natürlich gibt es keine Sicherheitsgurte. Wir krallen uns an den an der Seite angebrachten Griffen fest und sind froh, als wir unser Ziel, den Aussichtspunkt «Salto del Mico» erreichen. Dieser liegt kurz vor Baricharra und eignet sich perfekt für ein Foto mit atemberaubender Aussicht ins Tal. Danach spazieren wir gemütlich zurück in unser AirBnB.

Am folgenden Tag machen wir uns auf den Rückweg nach Cartagena. In vier Tagen sollte Beat im Hafen ankommen. Wir möchten bereits einen Tag vor der geplanten Ankunft in Cartagena sein und haben für die 800 Kilometer lange Rückfahrt drei Tage eingeplant. Das sollte auch auf kolumbianischen Strassen machbar sein. Doch es kommt alles anders. Als wir nach unserer ersten Fahretappe in Bucuramanga ankommen, informiert uns die Agentin, dass Beat und Joe (das ist der Van von Nadine und Tom) scheinbar schon seit zwei Tagen in Cartagena stehen. Sie habe dies selbst erst jetzt erfahren und sei sehr erstaunt darüber. Na toll, und wir sind noch mehr als 600 Kilometer entfernt. Um ein Fahrzeug auszulösen und den Container zu öffnen, benötigt es immer beide Parteien. Nadine und Tom teilen den Container mit dem Tessiner Luca und wir mit dem Argentinier Oscar. Das Drama nimmt seinen Lauf. Während Luca bereits in Cartagena ist und uns wiederholt wütende Sprachnachrichten schickt, erfahren wir, dass Oscar scheinbar auf einer Insel vor Kolumbien gestrandet ist. Er ist nicht wie wir nach Kolumbien geflogen, sondern hat versucht mit dem Boot einzureisen.

Die Verschiffung über den Darien Gap. Sie raubt den meisten Reisenden den letzten Nerv. So auch uns.

Wir beschliessen am nächsten Morgen um 06:00 loszufahren, um möglichst schnell nach Cartagena zu kommen. Google gibt für diese Strecke etwas mehr als 12 Stunden an. Wir wissen jedoch, dass wir noch 1-2 Stunden zugeben müssen. Denn die Strassenqualität ist schlecht und oft trifft man auf dem Weg auf Baustellen und Unfälle. Natürlich schüttet es wie aus Eimern als wir losfahren. Bereits aus der Stadt heraus hat es aufgrund der überschwemmten Strassen massiv Stau. Wir beerdigen den Gedanken heute Abend in Cartagena zu sein, informieren Luca und versuchen mit Oscar in Kontakt zu treten. Via Facebook-Call erreichen wir ihn tatsächlich und erfahren, dass er immer noch auf der Insel feststeckt und das Boot in den nächsten Tag abgeschleppt werden sollte. Als wir endlich auf die Autobahn kommen eröffnet uns die Dame an der Mautstelle die nächste Hiobsbotschaft: Ein Tanklaster ist umgekippt. Die Strasse ist für mehrere Stunden gesperrt. Es scheint so, als hätte sich die ganze Welt gegen uns verschworen.

Ein typisches Bild auf den Strassen Kolumbiens – umgekippte Laster

Wir fahren an der stehenden Kolonne vorbei, um uns ein Bild vom Unfall zu verschaffen. Es sieht nicht gut aus. Das Benzin ist über die ganze Strasse ausgelaufen und der Laster blockiert beide Spuren. Zu unserem Erstaunen beschliesst der zuständige Polizist trotzdem, den Laster quer über die Strasse zu ziehen. Es funkt und quietscht. Während die Locals dem Spektakel aus einer Distanz von nur wenigen Metern zuschauen versuchen wir etwas Land zu gewinnen. Schliesslich liegt auf der ganzen Strasse hochentzündliches Benzin. Nun ist zwar der Weg frei, aber auf dem glitschigen Benzin gelingt es den schweren Lastern nicht sich den Hang hochzuquälen. Mehrere Männer stossen die Lastwagen hoch. Nach zwei Stunden ist die Strasse wieder befahrbar. Wir schlittern mit unserem VW vorsichtig um die Kurve. Mittlerweile ist es Nachmittag und wir fahren bis zum Einbruch der Dunkelheit. In einem Hotel irgendwo im nirgendwo gibt es dann noch eine Pizza. Am nächsten Tag treffen wir endlich in Cartagena ein.

Keine Spur von Oscar

Nadine und Tom können ihren Joe dann bereits am nächsten Tag aus dem Container holen. Dafür hat sich der stressige Rückweg gelohnt. Für uns sieht es aber leider nicht so gut aus. Mittlerweile ist die Verbindung zu Oscar abgebrochen. Niemand weiss, wo er genau ist und wann er in Cartagena eintrifft. Über die Agentin erhalten wir den Kontakt seiner Tochter und versuchen ihn so zu erreichen. Schliesslich erhalten wir die Nummer des Kapitäns und erfahren, dass er Oscar südlich von Cartagena mehr oder weniger an Land geworfen hat. Dort sei es aber alles andere als sicher und er mache sich Sorgen. Wir besprechen verschiedene Optionen, sollte er innerhalb der nächsten drei Tage nicht auftauchen. Unsere einzige Chance den Container ohne ihn zu öffnen wäre eine offizielle Vermisstmeldung.

Warten auf Beat – Tag und Nacht

Am nächsten Tag dann eine erste gute Botschaft. Oscar hat sich bei seiner Tochter gemeldet und wartet auf eine Geldüberweisung, um den Transfer nach Cartagena zu bezahlen. Denn an der Küste hat man ihn scheinbar ausgeraubt. Jedoch bestätigt sich unser Verdacht, dass er illegal eingereist ist. Er muss sich somit zuerst noch beim Migrationsamt stellen und ein Busse bezahlen. Das heisst für uns nochmals einen Tag warten. In unserer Unterkunft können wir nicht noch eine Nacht bleiben. Wir ziehen um in ein Hotel. Langsam aber sicher verlieren wir die Nerven.

Wiedervereinigung mit Beat

Da ich nicht mehr länger rumsitzen kann, entscheide ich mich etwas den Kopf zu lüften und eine Runde um die Halbinsel Bocagrande in Cartagena zu drehen. Dann bin ich danach beim Auslöseprozedere im Hafen sicher entspannter. Gemäss Plan geht es um drei Uhr los. Als im am weitesten entfernt bin ruft mich Bryan an. In einer Stunde müssen wir am Hafen sein. Die Auslösung hat sich um drei Stunden vorverschoben. Das war ja klar. Ich renne zurück in unser Hotel. Es ist elf Uhr und mindestens 30°. Völlig verschwitzt und mit rotem Kopf komme ich im Hotel an. Am Hafen ist lange Kleidung vorgeschrieben. Ich ziehe mich um und wir springen in ein Uber. Die Kleidung klebt mir am Körper und meine Laune ist nicht die Beste. Aber was soll’s. Wenigstens kriegen wir jetzt endlich Beat zurück. Vor Ort treffen wir auf Oscar und den Mann unserer Agentin. Da Oscar scheinbar keine lange Kleidung besitzt, hat er alles von unserer Agentin erhalten. Er sieht ein wenig aus, als wäre er obdachlos und mimt den sterbenden Schwan. Als wir einige Minuten warten müssen, legt er sich im Wartesaal hin und schläft. Die Angestellten schauen uns verwundert an. Uns ist es egal. Wir sind froh, dass er lebt und wenigstens so halb anwesend ist.

Nach einer halben Stunde werden wir aufgerufen und dürfen Beat abholen. Das Manövrieren aus dem Container gelingt noch gut. Aber beim rausfahren aus dem Hafen touchiert Oscar etwas und die Seitenschürze seines Mercedes Cabriolet fällt ab. Ich sehe schon die Barriere, darf nun aber nicht raus, weil sie zuerst klären möchten, wessen Schuld der Unfall ist. Jetzt reicht’s! Ich teile dem Hafenmitarbeiter sichtlich aufgebracht und mit Tränen in den Augen mit, dass ich keine weitere Sekunde warte. Mit weinenden Frauen können sie nicht umgehen und schliesslich öffnen sie die Barriere. Wir haben es geschafft. Nach 25 Tagen sind wir wieder mit Beat vereint.

4 Antworten auf „Malerische Dörfer & grausame Häfen

  1. Sergey Ftorenko

    I believe an amazing journey on one side and not easy at all :), so many cultures and beautiful nature fundamentally different from the Europe, at the same time is not very good 🙂 infrastructure and social living standard

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    • Bryan

      Hey Sergey. Thanks for reaching out to us. Unbelievable you’re still reading our blog. Thanks for that too!! You’re right, it’s really a different world over here but that’s also why we’re still loving our adventure so much. We hope you and your family are well, despite all the difficulties in Europe 😦

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